Rassismus und Weltwissen: Praktiken, Diskurse und Episteme der deutschen Aufklärung

Rassismus und Weltwissen: Praktiken, Diskurse und Episteme der deutschen Aufklärung

Organisatoren
Sigrid G. Köhler, Deutsches Seminar, Universität Tübingen; Claudia Nitschke, School of Modern Languages and Cultures, Durham University; Frank Grunert, Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Förderer
Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung
Ort
Wolfenbüttel
Land
Deutschland
Fand statt
Hybrid
Vom - Bis
13.09.2023 - 15.09.2023
Von
Timothy Brown / Alexandra Dempe, Universität Tübingen

Die DGEJ-Jahrestagung 20231 hatte das Ziel, zu untersuchen, wie das Wissen über die Kategorisierung von Menschen in „Rassen“ in den globalen Wissenskanon integriert wurde. Zum anderen wurde die Manifestation dieses Weltwissens als integraler Bestandteil der Wissenskulturen und Praktiken in der deutschen Aufklärung jenseits konkreter Rassentheorien analysiert.

In einem interdisziplinären Kontext strebte die Tagung die Entwicklung eines fundierten Bewusstseins für die komplexen Unterscheidungen zwischen Rassismus, Kolonialismus und Versklavung an. Dabei wurde besonders das komplexe Spannungsverhältnis zwischen Globalität und Lokalität, zwischen Epistemologie und gesellschaftlichen Praktiken sowie zwischen wissenschaftlichem Diskurs und dessen populärer Vermittlung in den zeitgenössischen Medien beleuchtet.

Im Rahmen der Tagung wurde Rassismus nicht einfach als eine zufällige Nebenwirkung des wissenschaftlichen Diskurses im langen 18. Jahrhundert verstanden, sondern vielmehr als das Ergebnis von sich wandelnden soziopolitischen und kulturellen Denkmustern, die auch schon vor der wissenschaftlichen Erfindung des Konzepts „Rasse“ im letzten Drittel des Jahrhunderts präsent waren. So war die europäische Aufklärung in die transatlantische Welt, in ihre ökonomischen und materiellen Verflechtungen eingebunden, die wiederum aufs engste mit Kolonialismus und Versklavung und in der Konsequenz mit einem rassistisch fundierten Weltwissen verschränkt waren.

Eine Neuausrichtung der Forschung im 18. Jahrhundert, die die transatlantischen Verflechtungen sowohl in Handelsbeziehungen als auch in der Wissensproduktion stärker in den Fokus rückt, hat auch Auswirkungen auf den deutschsprachigen Raum. Trotz geringer Beteiligung territorial-staatlicher Akteure im Alten Reich zeigte sich eine erhebliche Präsenz deutscher Kaufleute, Investoren, Konsumenten und Handwerker im transatlantischen Dreieckshandel. Dieses wissenschaftliche und ökonomische Interesse an außereuropäischen Regionen und deren Bewohnern wurde durch verschiedene Medien, darunter Journalbeiträge, Reiseberichte und wissenschaftliche Diskurse, dokumentiert und gefördert. In diesem Sinne wurden Rassismus, Kolonialismus und Versklavung zu „deutschen Themen“, die auf der Tagung als Gegenstände für ein neues Verständnis der deutschen Aufklärung betrachtet wurden. Fragen nach der Verarbeitung von Differenzerfahrungen im Alten Reich, dem Entwerfen von Zugehörigkeiten und dem Konstruieren von Weißsein, um nur einige zu nennen, waren dabei ebenso zentral.

In der ersten Sektion analysierte MELANIE ULZ (Regensburg) Darstellungen von fiktiven und realen Schwarzen Menschen in Porträts von Adeligen im 18. Jahrhundert. Diese Darstellungen waren geprägt von kolonialistischen Stereotypen, die auch MESSAN TOSSA (Lomé) in seinem Vortrag aufgriff. Er setzte sich mit der diskursiven Untermauerung des Bildes von Afrikaner:innen in der Aufklärung auseinander und argumentierte anschließend, dass Schwarze Hofbedienstete tatsächlich Erfahrungen machten, die im Widerspruch zu diesen stereotypen Darstellungen standen. KAVEH YAZDANI (Stamford) erweiterte dieses Argument anhand der Biografie von Anton Wilhelm Amo. Dabei zeigte er auf, dass es unterschiedliche Formen des Rassismus gab, die in den zeitgenössischen Beurteilungen von Amo zum Ausdruck kamen.

Im zweiten Panel beleuchteten KIM SIEBENHÜNER (Jena) und CHRISTINA BRANDT (Jena) den Status von Johann Friedrich Blumenbach im aufklärerischen „Rassendiskurs“. Dabei untersuchten sie Blumenbach aus der Perspektive der frühen Neuzeit und kamen zu dem Schluss, dass seine Einteilung und Hierarchisierung von menschlichen Varietäten Teil einer langen Wissenstradition sind. MICHAEL LEEMANN (Frankfurt am Main) untersuchte die Rolle des Christentums in Blumenbachs Schriften. Dabei legte er überzeugend dar, dass das Christentum nicht zur Idee der Gleichheit der Menschen führte, sondern vielmehr in religiösen und anthropologischen Texten verwendet wurde, um eine rassifizierte Hierarchisierung zu bestätigen. Anschließend hielt MAXIMILIAN HUSCHKE (Jena) einen Vortrag über die Verbindung zwischen Immanuel Kants Konzept des Universalismus und seinen anthropologischen Schriften. Dabei wies er auf, dass dieser Universalismus eine naturgeschichtlich-teleologische Hierarchisierung beinhaltet, die tatsächlich rassistische Vorstellungen untermauert. Zum Abschluss analysierte TIM BROWN (Tübingen) literarische Darstellungen Schwarzer Charaktere in Märchen von Wieland, Mozart und Goethe. Dabei untersuchte er, wie in diesen Texten die moralische Dichotomie von „gut“ und „böse“, die in Märchen präsent ist, mit Hautfarbe verbunden wird.

Im Zentrum der Keynote der Kommunikationswissenschaftlerin NATASHA A. KELLY stand das von ihr geprägte wissenschaftliche Konzept der „Ent_Wahrnehmung“ sowie die Darstellung Schwarzer Wissenschaftstraditionen in Deutschland und in den USA. Kelly erläuterte zunächst im Rekurs auf die Ent_Wahrnehmung die Strategien, die dazu führen, dass Schwarzes Wissen ent_erwähnt, ent_visualisiert und damit konsequent ent_innert wird. Wie Kelly eindrücklich veranschaulichte, reproduziert die konsequente Ent_Wahrnehmung von Schwarzen Wissensproduktionen rassistische Machtverhältnisse, weil im Umkehrschluss die eurozentristische Wissensordnung beständig als Norm gesetzt und die Schwarze Wissensproduktion unsichtbar gemacht wird. Im Hinblick auf die Wahrnehmung Schwarzer Wissenschaftskultur plädierte Kelly für die Etablierung der Black Studies im deutschen Universitätsbetrieb. Dabei ginge es nicht um das Ersetzen einer eurozentristischen durch eine afrozentristische Perspektive, sondern um Dezentrierung und Dekolonialisierung.

In der dritten Sektion widmete sich WENDY SUTHERLAND (Sarasota) den Praktiken der Versklavung im Alten Reich, indem sie im Stil eines Mappings Hamburgs und Schleswig-Holsteins Verwicklungen im transatlantischen Sklavenhandel aufdeckte. REBEKKA VON MALLINCKRODT (Bremen) ging der Frage nach, wie Sklaverei im 18. Jahrhundert rechtlich legitimiert werden konnte und welche argumentativen Verschiebungen sich im Laufe des Jahrhunderts beobachten ließen. Sie zeigte anhand von Rechtskommentaren sehr überzeugend, wie neben der Thematisierung von Versklavung als Vergeltung im Krieg nach und nach auch die Versklavung von Afrikaner:innen diskutiert wurde. NIKOLA KELLER (Freiburg) widmete sich anhand zweier Abolitionsdramen den „deutschen“ Selbsterzählungen über die eigene Involviertheit in den transatlantischen Handel.

In der vierten Sektion untersuchte INA ULRIKE PAUL (Berlin) die tragende Rolle, die Enzyklopädien als „Weltwissensmedien“ in der Vermittlung von Wissen über Schwarze Menschen im 18. Jahrhundert spielten. ALEXANDER KOŠENINA (Hannover) wandte sich der Vermittlung von Rassismen und Stereotypen in der Literatur zu und stellte mit Blick auf Friedrich Schillers Drama Die Räuber die These auf, dass Franz Moor seine rassistischen Vorstellungen über ihm fremde Kulturen aus zeitgenössischen Bildspendern bezieht. HEIKE RAPHAEL-HERNANDEZ (Würzburg) beschäftigte sich mit dem Bedingungsverhältnis von strukturellem Rassismus und Populärliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts am Beispiel von Zeitschriften und Reiseliteratur.

ANNA GREVE (Bremen) eröffnete die abschließende Sektion der Tagung mit einem Vortrag zu Darstellungen von Weißsein in Gemälden des 18. Jahrhunderts. Sie führte am Beispiel von Philipp Otto Runge vor, dass rassifizierendes Weltwissen auf dem europäischen Kontinent zu einer Vereinfachung und Reduzierung in der malerischen Farbsymbolik führte. Anschließend griff SEBASTIAN LANGE (Münster) bildliche Darstellungen der außereuropäischen Welt in der Kinder- und Jugendliteratur des 18. Jahrhunderts auf. Dabei verwies er auf einen Widerspruch, der sich in den Reproduktionen rassistischer Stereotypen trotz Kritik an der Sklaverei manifestierte. Abschließend untersuchte FLORIAN KAPPELER (Wuppertal) eine Art frühe Rassismuskritik in deutschen Darstellungen zur Haitianischen Revolution vor dem Hintergrund des revolutionären Zeitalters in der transatlantischen Welt.

Die Jahrestagung leistete in ihrer Interdisziplinarität einen Beitrag zu einer Neuausrichtung der Erforschung des 18. Jahrhunderts, indem sie Rassismus sowie die Formierung und Vermittlung der Rassetheorien im 18. Jahrhundert als zentrale Bestandteile der Aufklärungsforschung aufzeigte. Dies bedeutete in der Konsequenz auch, die Akteure, Medien und Praktiken der Wissensproduktion in den Blick zu nehmen und – nicht zuletzt in ihrem Weißsein – zu beschreiben. So hat die Tagung die Komplexität sichtbar gemacht, der sich die Aufklärungsforschung auf dem Gebiet der Erforschung von Race und Rassismus im 18. Jahrhundert gegenübersieht, denn den Rassismus der Aufklärung gibt es nicht. Rassismus folgt historisch wie medial unterschiedlichen Logiken. Entsprechende Topoi und Bildsprachen existierten bereits vor der wissenschaftlichen Erfindung des Konzepts „Rasse“ und erwiesen sich darüber hinaus als äußerst beständig, selbst wenn neues Wissen bereits generiert worden war. Die Vorstellung eines biologistischen Rassismus greift zudem zu kurz, da die wissenschaftliche Erfindung des Rassismus, die zwar bereits auf eine Biologisierung hinweist, nicht losgelöst von Zeit- und Umweltkonzepten, von Religion und Weltanschauungen gedacht werden kann. Die Rassismusforschung versteht den Rassismusbegriff heute viel weiter, nämlich als strukturelle Zuschreibung von Eigenschaften, in der Selektions- und Signifikationsprozesse verschränkt werden, d.h. vermeintliche Beschreibungskriterien einer Gruppe selektiert, naturalisiert und mit (ab-)wertenden Bedeutungen aufgeladen werden. Schon im 18. Jahrhundert existierte eine Globalitäts-, Kolonialismus- und Rassismuskritik, die bei all ihrer Ambivalenz stets präsent war und ihre Kritik mittels experimenteller ästhetischer Formen und Medien hervorbrachte. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse begreifen die Organisator:innen die Tagung als Auftaktveranstaltung. Denn wenn Rassismus ein Element der europäischen Moderne ist, darf seine Erforschung nicht einfach als weiteres Forschungsfeld verstanden werden, sondern muss Einzug in die Einführungen und Handbücher der Aufklärung erhalten.

Konferenzübersicht:

Einführung: Sigrid G. Köhler, Claudia Nitschke, Frank Grunert

I: Präsenz und Biographien Schwarzer Menschen in Deutschland

Moderation: Frank Grunert

Melanie Ulz (Regensburg): Das Bild von People of Color in der deutschen Aufklärung. Eine kunsthistorische Spurensuche

Messan Tossa (Lomé): „Hofmohren“ und das deutsche Afrika-Bild der Aufklärung

Kaveh Yazdani (Stamford): Anton Wilhelm Amo – Die Wahrnehmung und Beurteilung Schwarzer Menschen in der deutschen Frühaufklärung

II: Rassismus, Wissensordnungen und -kulturen

Moderation: Claudia Nitschke

Kim Siebenhüner (Jena) & Christina Brandt (Jena): Epistemische Transformation von Weltwissen. Johann Friedrich Blumenbach zwischen Frühneuzeitforschung und Wissenschaftsgeschichte

Keynote

Natasha A. Kelly: Black Studies: Die Ent_Wahrnehmung von Schwarzen Wissensreproduktionen in Deutschland

Moderation: Sigrid G. Köhler

Michael Leemann (Frankfurt am Main): Weiß und christlich. Rassismus und Religion bei Johann Friedrich Blumenbach und Christoph Meiners

Maximilian Huschke (Jena): Rassismus und ‚kritisches Projekt‘. Das Verhältnis zwischen Kants ‚Rassetheorie‘ und der Kritik der Urteilskraft

Tim Brown (Tübingen): Goldene Schürze, Federbüsche und drohende Säbel: Globales Wissen um Race und lokale Vermittlung in deutschen Märchen der Aufklärung

III: Rassismus und die Praktiken der Versklavung

Moderation: Sigrid G. Köhler

Wendy Sutherland (Sarasota): Mapping Slavery: Hamburgs und Schleswig-Holsteins Verwicklungen im Sklavenhandel

Rebekka von Mallinckrodt (Bremen): War das frühneuzeitliche Recht rassistisch? – Gesetzgebung und Rechtsprechung über Sklav:innen im Alten Reich

Nikola Keller (Freiburg): Zwischen Abschaffung und Fortbestand: Abolitionsdebatte vs. Kolonialphantasien in Dramen von F. G. von Steinsberg und F. L. Schmidt (1779-1792).

IV: Rassismus: Wissensordnung in der medialen Vermittlung

Moderation: Claudia Nitschke

Ina Ulrike Paul (Berlin): Schwarze Menschen im Weltwissensbestand aufgeklärter Enzyklopädien Europas

Alexander Košenina (Hannover): Wie entstehen Stereotype? Bildspender für Franz Moors provozierende Sicht auf fremde Kulturen

Heike Raphael-Hernandez (Heidelberg): „In Teutschland wurde nie mehr gelesen, als jetzt“: Vom Zusammenhang zwischen der beginnenden Populärliteratur und dem Erstarken eines rassistischen Gedankenguts

V: Wider das Zeitgeistargument: Anti-Rassismus und Rassismuskritik?

Moderation: Frank Grunert

Anna Greve (Bremen): Weißsein als expliziter Gegenstand in der deutschen Malerei des 18. Jahrhunderts

Sebastian Lange (Münster): Ambivalente Kritik in Wort und Bild. Sklaverei und Sklavenhandel in der Kinder- und Jugendliteratur der Aufklärung

Florian Kappeler (Wuppertal): Rassismus und Rassismuskritik in Narrativen der Haitianischen Revolution

Abschlussdiskussion und Verabschiedung

Anmerkung:
1 Eine ausführlichere Version dieses Tagungsberichts wird in der Herbstausgabe der Zeitschrift Das achtzehnte Jahrhundert erscheinen.

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